Der Dichter und zweisprachige Grundschullehrer Ronald Euler ist 1966 in Sarre-Union - Buckenum (67) geboren. Er schreibt in Rheinfränkisch, bzw. Lothringer-Platt. Ich kenne und schätze ihn seit langen Jahren. Ausgangspunkt war die Einweihung des Dichterwegs in Munster (2008), wo folgendes Gedicht, das sein Schaffen gut charakterisiert, zu lesen ist:
mìt uffene Awwe
ne schìttle
àss er uffwàcht
e Blìck ìhm schenke
àss er uffschnüft
e Hànd ìhm lànge
àss’s Herz uffblìehjt
àss er Mensch villicht wärd
de Unmensch weglosst
de Iwwermensch vertribt
un endlich
de Hànd sim Mìtmensch gìtt
e Mensch sìn
ënfàch numme
uffrecht Mensch ze sìn
mìt uffene Awwe
s Menschsìn träme
träme
Im Nachwort zu E Plàtz zum Schnüfe SALDE, 2017, schreibt der Saarländer Dirk Walter, Leiter der Vereinszeitschrift „Die Neueste Melusine“: „Und was macht Eulers Texte so lesenswert? Es ist für mich die Mischung aus Ton und Thema. Aus diesen Versen und der Prosa spricht eine große Liebe: zur Sprache und der Landschaft seiner Region, zur Natur, zur Familie, zur Kindheit, kurz: zu seiner Heimat. (…) Nur wenn der Ausdruck unverbraucht und echt wirkt, also das Gegenteil von Klischee und Kitsch, taugt ein Text etwas. Diesen Eindruck habe ich, wenn ich Eulers Worte lese. Und es ist gerade der Dialekt, der dieser Poesie Echtheit verleiht.“
Ich schließe mich diesen Worten an und weiß, wie schwer es ist, in einer immer noch am Hochdeutschen orientierten Literaturwissenschaft, sich einen „Plàtz zum Schnüfe“ zu ergattern. Die verächtliche Haltung gegenüber der Mundartdichtung zieht in Deutschland nach wie vor ihre Kreise. Doch im zentralistisch verwalteten Frankreich, das seit Jahrhunderten die eigenen, herablassend als „patois“ bezeichneten Regionalsprachen bekämpft und sie am liebsten von der Bildfläche verschwinden sehen würde, ist dies ein noch viel schwierigeres Unterfangen. Dabei gibt es im Grunde keine höheren und niederen Sprachen. Es gibt lediglich gute und schlechte Texte, und das in jeder Sprache! Was z.B. Euler hier über seine Sprache schreibt, zeugt von einer hohen Qualität:
Lëwessproch
minni Sproch ìsch Wàsser
minni Sproch ìsch e Quell
wu de Seel dut Hoffnung schéppe
minni Sproch ìsch Luft
minni Sproch ìsch e Wìldbàch
wu nìtt sich losst bändische
minni Sproch ìsch Fréihett
minni Sproch ìsch e Fluss
wu nìtt ze Ruh kummt
minni Sproch ìsch Kìndhett
minni Sproch ìsch e Strom
wu kën Grenze kennt
minni Sproch ìsch Lìeb
minni Sproch ìsch e Meer
wo àllerhànd erüss kànn schlüffe
minni Sproch ìsch Lëwe
Wenn ich dieses Gedicht lese, höre ich in einem französisch klingenden Widerhall Claude Vigées Worte aus Le Parfum et la Cendre : „Avoir honte du langage primordial, c’est refuser la partie de nous-mêmes, qui nous a été transmis par les aïeux d’abord, et léguée ensuite par notre propre enfance » (…)
Was mir an Eulers Schaffen ganz besonders erfreut, ist seine Fähigkeit, neue Wörter zu schöpfen, die zuweilen zärtlich-melodisch klingen, zuweilen eine ganz besondere Aussagekraft haben. Metaphern wie zuckerpuderwissi Wihnàcht, zìmmetsternbestìckter Hìmmel, Anisbredelmond sprechen auch unseren Gaumen an. Die kindliche Leichtigkeit des Seins könnte mit kìnderseelelicht nicht besser ausgedrückt sein: uff der issglàtt Ritschbàhn sürre se kìnderseelelicht.
Dass Mundartliteratur auf ein kleineres Sprachgebiet begrenzt ist und Verständnisprobleme regionale Sprachbarrieren aufbauen, steht außer Frage. Doch diese Schwierigkeit überwinden die meisten Mundartdichter, indem sie selbst Übertragungen in Standardsprachen anbieten. So auch Ronald Euler, der überdies dem Leser das Lesen erleichtert mit Tonaufnahmen in Form von CDs, aufgelockert durch eine hochwertige musikalische Begleitmusik.
Auf dem 2011 eingeweihten Dichterweg in Soultzmatt ist ein Zeugnis seines Engagements für die elsässische Sprache und eine saubere Umwelt zu lesen, wo Atomkraft keinen Platz hat:
Rot
dehëm
ìm Gehre von dr Màmme
ìm Arm vom Bàbbe
ìm Blìck vom Schàtz
dehëm
ìm Wort wu sìngt
ìm Wort wu rìngt
ìm Wort wu verstìckt
dehëm
ìm verstràhlte Lànd
ìm verhunzte Lànd
ìm Lànd wu s nìtt gìtt
dehëm
ìm Rüschle vom Wìnd
ìm Schàtte von dr Lìnd
ìm rote Sànd vom Vogeselànd
In dem kurzen und bissigen Text, e kurzer Prozess, beschreibt er den erschreckenden Prozess des sozialen Walzwerks, das auf Neugeborene wartet, um sie zu Hackfleisch zu machen - oder sollte man wieder “Kanonenfutter” sagen? Womöglich hat dieses Gedicht autobiographische Züge, womöglich denkt er auch mit Schaudern an seine Kinder, an seine jungen Schüler.
küm bìsch üss em Büsch geschlüfft
soglich àm Schlawwittel wersch gepàckt
ìn de Flëëschmaschin gestéckt
ze Dëëg verquétscht
wie e Këre rüssgespützt
mìt de Wàlz gewelschert
ìns Formeblech gebuttert
wie sich’s geheert gebàckt
denoh àn dinne Plàtz geflättert
fur de große Plän verfuttert
Trost findet der manchmal verzweifelte Dichter in der Liebe zu seiner Familie und wohl auch im christlichen Wort der Nächstenliebe, wie folgendes Gedicht zu bezeugen scheint:
Lìewespìschple
ìn de Nàchtstìll von Bethlehem
ìwwerm Stàll e Stern
ìm Licht vum Awweblìck
e Màmme e Bàbbe
de Glànz vum Glìck ìm Blìck
ìm e Strohbett e Kìnd
uff de Lipple e Pischple e lises
Sein ergreifendes Gedicht, e létschtes Mol, das E Plàtz zum Schnüfe abschließt, klingt wie ein Vermächtnis:
e letschtes Mol
de Wertere von de Kìndhett pìschple
de Wertere von de Kìndhett schmëëchle
de Wertere von de Kìndhett schlecke
e létschtes Mol
de Awwe ìwwer s Ländel losse strëëfe
de Awwe ìwwer de liewe Dode losse ruhe
de Awwe ìwwer s klëëne Kìnd groß uffmàche
noch e létschtes Mol
de Lìeb von de Kìndhett schnüfe
de Wärmt von de Hëëmet spire
de Duft von de Brunzblum schmàcke
Burzelbääm uff de goldgëële Màtte schlawe
bis s Lëwesràdd sich ìwwerschlàt
un àlles wìdder ànfàngt von vurne
noch emol
© Edgar Zeidler, Rheinblick 7.10.2025.
D Edgar Zeidler isch Linguischt un Dichter. Er isch Mitgrinder von dr Orthal-Schriebwis un s isch ihm ze vedànke, dàss s d Dichterwëje von Minschter, Blienschwiller, Soultzmatt, Bischwiller, un noch ànnere gitt.